Schreikinder
In den ersten 3 Monaten kommt es bei allen Säuglingen Episoden heftigen Schreiens. Für die Eltern wirkt das oft beunruhigend, sie versuchen durch eigene Strategien das Kind zu beruhigen und kommen bald an ihre Kompensationsgrenzen. Fehlende Ruhephasen führen zur Überlastung aller Bezugspersonen.
Von exzessivem Schreien spricht man,
wenn Babys während der ersten 3 Monate
> mehr als 3 Stunden am Tag
> mehr als 3 Tage in der Woche
> mehr als 3 Wochen schreien
Warum schreien die Kinder vermehrt am Abend? Für jede 2. Familie liegt die Hauptunruhezeit am Abend zwischen 17 und 22 Uhr.
Bereits der Fötus zeigt am Nachmittag mehr Bewegungsaktivität als am Vormittag.
Dieser Trend setzt sich nach der Geburt fort. Am Abend bewegt sich ein Baby am meisten, Herzschlag und Körpertemperatur, beide Erregungsanzeichen, sind am höchsten. An einen kurzen Schlaf vor der Nacht ist nicht zu denken. Auch Erwachsene zeigen in den frühen Abendstunden maximale Aktivität mit geringer Einschlafbereitschaft.
Warum in den ersten 3 Monaten? Dabei liegt die Ursache in der Evolution: der menschliche Säugling ist eine physiologische Frühgeburt, er kommt von seiner biologischen Ausstattung her eigentlich 3 Monate zu früh auf die Welt ( Portmann 1944, Prechtl 1986).
Durch die Entwicklung des aufrechten Gangs konnte der knöcherne Beckenring der Frau nicht erweitert werden. Die Evolution des menschlichen Gehirns ging trotzdem weiter. Lösung: der Säugling kommt 3 Monate zu früh, wenn sein Kopf noch klein genug ist, um durch den Geburtskanal zu passen. Dies erklärt, warum der Tag-Nacht-Rhythmus und die frühe Selbstregulation(ruhig-aufmerksame Wachphasen, Schlafphasen oder Schreien) noch unreif ist.
Erscheinungsbild nach Ziegler (2004):
Kind:
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Unstillbares Schreien
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Motorische Unruhe mit Unzufriedenheit/Quengeln
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Irritabilität, sensorische Übererregbarkeit
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Neigung zu Überstreckung und taktiler Abwehr
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Drang in vertikale, Ablehnung horizontaler Körperpositionen
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Bedürfnis, herumgetragen zu werden ( vestibuläre Stimulation und visuelle Ablenkung)
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Pseudostabilität durch Ablenkung und neue Reize
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Paradoxer „Reizhunger“, „Augenkinder“ suchen immer neue Reize mit den Augen
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Unfähigkeit, bei Ermüdung „abzuschalten“, sich selbst zu beruhigen und einzuschlafen
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Kumulatives Schlafdefizit mit extrem kurzen Schlafphasen am Tag
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Übermüdung und Überreiztheit mit Schreigipfel in den Abendstunden
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Mangel an ruhig-aufmerksamen Wachphasen
Elterliche Belastung:
• Hochgradige Erschöpfung, Anspannung, Versagensgefühle
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Verletzbarkeit, ohnmächtige Wut, Gefühl, abgelehnt zu werden
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Hemmung der intuitiven elterlichen Kompetenzen
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Vernachlässigung eigener Bedürfnisse
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Angespannte Paarbeziehung
Eltern-Kind-Interaktion:
• Erschwertes Handling bei motorischer Unruhe und elterlicher Verunsicherung
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Unterbrechbarkeit der Unruhephasen durch Herumtragen und ständig wechselndes Reizangebot
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Unwirksamkeit normaler Beruhigungshilfen beim Schreien
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Unterbrechbarkeit der Schreizustände durch intensive vestibuläre Reize und Motorengeräusche
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Unsicherheit beim Beruhigen und Schlafenlegen mit häufigem Wechsel intensiver, bizarrer Beruhigungshilfen
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Nachlassen der Stimulation löst erneutes Schreien aus, das durch intensivierte Stimulation beantwortet wird
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Auf dem Arm „Kampf gegen das Einschlafen“ mit motorischer Unruhe, taktiler
Abwehr
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Opsithotonus (Rückwärtsbeugung des Kopfs und Überstreckung von Rumpf und Extremitäten)
• Das führt zum Teufelskreis eskalierender beiderseitiger Anspannung und Erregung
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Im Gegensatz dazu gibt es nur selten Engelskreise intuitiv abgestimmter Zwiegespräche bei geglückter Beruhigung oder im Zustand ruhig-aufmerksamen Wachseins.
Zur Abklärung, ob eine Erkrankung vorliegt sollte der Kinderarzt ausschließen:
1. „Hunger an der Brust“ gestillte Kinder können zu wenig Milch bekommen und sich durch exzessives Schreien melden. Eine Gewichtskontrolle bringt Klarheit.
2. Nahrungsmittelunverträglichkeit: Lactoseintoleranz, Kuhmilchunverträglichkeit
3. Gastroösophagealer Reflux mittels Bauchsonographie 4. Störungen des Gehirns mittels einer Schädel-Sonographie
Sind organische Ursachen ausgeschlossen, gibt es folgende Behandlungs-
Ansätze:
Medikamente zeigen in allen Studien bis auf ein nebenwirkungsreiches Anticholinergikum keine Wirkung.
Akupunktur zeigt gute Wirkung ohne Nebenwirkungen, die Kinder werden ruhiger und schlafen besser ein.
Verhaltensmodifikation:
• Umstellung in der Regelmäßigkeit im Tagesablauf
• Reduzierung von Überstimulation
Fokussierung auf positives Interaktionsverhalten
• In geführten Gesprächen kann Verhalten bewusst gemacht werden und nach Lösungen gesucht
werdenErnährungsveränderungen:
Diätumstellung der stillenden Mutter bzw. Ernährungsumstellung der Säuglinge auf hypoallergene oder Soja-Milch ist bei max. 5-10% der Schreibabys erfolgreich.
Alternative Heilverfahren:
Osteopathie, Wirbelsäulenmanipulation, Behandlung des Geburtstraumas, Kräutertee, Fenchel-Keimöl-Emulsion, usw. sind nicht gesichert. Es gibt Fallberichte einzelner Kinder, die gut darauf reagiert haben.
In unserer Praxis werden bei Schreibabys folgende Termine vereinbart:
• Erstkontakt mit Erhebung der Anamnese, Untersuchung einschl. Ultraschall-Untersuchung, ggf. Stuhl- und Blutuntersuchung zur Abklärung organischer Ursachen.
• Führen eines Schreikalenders
• Termine für Akupunktur
• Gesprächstermin mit beiden Eltern
• Evtl. Gesprächstherapie oder/und Physiotherapie
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