Familie und Gesellschaft
Der Familie geht es besser als je zuvor
Von Volker Ladenthin, Professor für Erziehungswissenschaften in Bonn
In keiner Zeit des Jahres wird der Zerfall der Familie so sehr beklagt wie in der Weihnachtszeit, denn Weihnachten gilt als Fest der Familie. Die Auflösung der Kernfamilie hat vielen Menschen hierzulande das Weihnachtsfest sogar verdorben. Und die Statistik scheint ihnen Recht zu geben. Scheidungen haben mit 214 000 im letzten Jahr einen neuen Höchststand erreicht. Das ist eine Steigerung von 4,8 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Jede 3. Ehe in Deutschland wird geschieden. Statt in einer Gemeinschaft mit Großeltern, Eltern und vielen Kinder scheinen wir heutzutage in Einkindfamilien, Mehrelternfamilien, Stieffamilien oder als Alleinerziehende zu leben. Rund 14 Prozent aller Kinder von Ehepaaren werden vor Erreichen der Volljährigkeit von der Scheidung der Eltern betroffen.
„Es gibt kein häusliches Leben mehr in den Familien. Es gibt weder Väter noch Mütter mehr, weder Kinder noch Geschwister. Der eine kennt den anderen kaum- wie sollen sie einander lieben können? Jeder denkt nur noch an sich selbst.“ So lautet die Klage eines namhaften Pädagogen. Es würden zu wenig Kinder geboren, und diese wüchsen isoliert als Einzelkinder auf, fährt er fort. Die Familien würden zerfallen. Diese kulturkritische Lamento stammt aber keineswegs von einem Zeitgenossen, sondern wurde in einer Zeit verfasst, die wir heute als Hochsaison der intakten Großfamilie ansehen: Der große Erziehungstheoretiker Jean-Jacques Rousseau hat diese Sätze 1757 aufgeschrieben.
Familienforscher haben nachgewiesen, dass im 18.Jahrhundert noch die Hälfte aller in einer Kleinstadt wie Trier Geborenen ein oder gar beide Eltern verloren. Auch im 19.Jahrhundert wurden mindestens ein Drittel der Ehen durch den frühen Tod wenigstens eines Elternteils beendet. Die Kinder aus jeder dritten Ehe mussten sich früher oder später also mit dem Problem der teilweisen Verwaisung auseinander setzen. Nur Zweidrittel der Kinder wuchsen mit beiden leiblichen Elternteilen auf. Heute dagegen leben 84 Prozent der Kinder bis zu ihrer Volljährigkeit bei den Eltern, also viel länger als vor 200 Jahren.
Schauen wir einmal weiter zurück in der Geschichte: 1700 lag die durchschnittliche Lebenserwartung bei knapp 30 Jahren und noch 1875 bei 37,5 Jahren. Rein statistisch betrachtet konnten Eltern ihre Kinder also nicht sehr lange begleiten- maximal 20 Jahre, bei den jüngeren ihrer vielen Kinder oft sogar viel kürzer. Auf Grund schlechter Ernährung, allgemeiner Entkräftung der Frauen durch die vielen Geburten, die harte Hausarbeit und die hohe Sterblichkeit der Frauen an Kindbettfieber waren viele Kinder schon in frühem Lebensalter Waisen und konnten unter diesen Umständen wesentlich schlechter betreut werden als heute.
Auch die Märchen erzählende Großmutter war für die meisten Wohnstuben eine Rarität und deshalb ein verklärender Wunschtraum ebenso wie ein Generationentreff an hohen Feiertagen wie dem Heiligen Abend, wenn man bedenkt, dass in deutschen Regionen zwischen 1816 und 187h geboren (1995: 13 Prozent). In manchen Regionen verzeichneten die Statistiken sogar 20 Prozent (Bayern 1826) oder 50 Prozent (München 1860). Regional lebten also weniger Kinder in Trauscheinehen als heute. Folglich geht es derzeit organisierter und moralischer zu als noch im Jahrhundert der Familie zwischen 1800 und 1900.
Ziehen wir zum Vergleich die Zahlen aus der Pisa-Studie hinzu, so leben heute mit den leiblichen Eltern 73 Prozent der Kinder in den neuen Bundesländern und 77 Prozent der Kinder in den alten Bundesländern. Mit nur einem Elternteil leben circa 16 Prozent, davon 88 Prozent mit der leiblichen Mutter. Statistisch und historisch betrachtet muss man sich mit dem Ergebnis anfreunden, dass heute mehr Kinder länger in Gemeinschaft mit ihren leiblichen Bezugspersonen leben als noch vor 100 Jahren. Wir erleben also- historisch betrachtet- einen langfristigen Trend zur Familie.
Das Problem ist nicht der Zerfall der Familie, sondern unser Glauben an kurzfristige Statistiken: Wir glauben, aus der Tatsache der zunehmenden Ehescheidungen, Einzelkinderfamilien und der abnehmenden Geburtenziffern schließen zu können, dass das Modell Familie abgewirtschaftet habe. Dies ist was die Philosophie einen naturalistischen Fehlschluss nennt. Man glaubt, durch die Zahlen sei bereits das damit verbundene Wertproblem gelöst. Aber man muss die ganze Statistik lesen: Es hat vor 200 Jahren nicht mehr an Familie gegeben. Nur hat man in Romanen und Traktaten erklärt,
en famille leben zu wollen. Heute wollen die meisten Menschen das auch. Nur erklärt man, die Statistik belege, dass immer weniger Menschen in Familien leben. Wir sind in eine Statistikfalle gelaufen; wir glauben, Befragungen, Erhebungen entlasten uns von sozialen, ethischen, von psychologischen und pädagogischen Entscheidungen.
Die steigenden Scheidungsraten allein sagen nichts. Die Menschen lassen sich ja nicht scheiden, um alleine zu leben. Vielmehr zeigen die Scheidungszahlen, dass immer mehr Menschen immer wieder neu versuchen, in den Formen von Ehe und Familie zu leben. Die Scheidungsziffern belegen auch, dass Menschen ihre ehelichen und familiären Lebensformen verbessern wollen. Sie flüchten nicht aus Ehe und Familie, sondern suchen nach einer besseren Ehe und Familie. Ehepaare haben früher- bedingt durch die kürzere Lebensdauer- faktisch nicht länger zusammengelebt als heute.
Der Tod schied, was heute Richter übernehmen.
Dazu passt, dass homosexuelle Partnerschaften ihr Zusammenleben als Ehe staatlich anerkennen lassen wollen. Dies zeigt, dass Ehe und sogar Familie als Form des Zusammenlebens als Modell für die Zukunft ausdrücklich gewünscht wird. Homosexuelle Paare möchten als Ehepaare anerkannt werden; sie möchten sich oft kirchlich trauen lassen, und sie möchten Kinder adoptieren können. Das ist ein Wunsch nach
Normalität- und als normal gilt die Familie.
Es ist unklar, warum wir das Scheitern einer Lebensform in unserer Gesellschaft mehr feiern als das Gelingen dieser Lebensform. Wir starren resignativ auf die Zahl des Misslingens und lassen uns nicht von der ungleich (und noch nie da gewesenen) höheren Zahl des Gelingens ermutigen. In dieser
Kultivierung des Misslingens liegt unser Problem. Die Erosion unserer Familie findet eher im kulturellen Überbau als im Wohnzimmer statt. Wahrnehmung und Wirklichkeit klaffen weit auseinander, auch wenn die Zahl der Scheidungen seit 10 Jahren stetig zugenommen hat.